Kinder-, Jugend- und Familientrauerbegleitung

Death Positive

Ein Prosit auf das Lebensende: Die „Sargbar" bricht ein großes Tabu

Pionierinnen des Projekts „Death Positiv" reden mit Besuchern auf einem Hoffest über den Tod. Die Stimmung könnte kaum fröhlicher sein.

André Lenthe

Originalartikel Death Positive, Teil 1 Originalartikel Death Positive, Teil 2
  1. Links: nicht nur Kinder gestalteten den Sarg – auch Erwachsene wie Elke Hedrich griffen zum Pinsel.
  2. Mitte: Verena Brunnbauer und ihre Partnerin (li.) hatten die Idee zur Sargbar, um durch lockere Tresengespräche über das Thema Tod den Menschen die Angst vor dem Tabu zu nehmen. Lenthe-Medien (3)
  3. Rechts: ein engagiertes Team sorgte für dieses außergewöhnliche Event: Dörthe Behr, Armin Diehl, Angelina Baumgarten, Andrea Henne, Ralf und Claudia Peper und ganz rechts Initiatorin Silke Fiehn.

Hanstedt. Ein echter Holzsarg als Bartresen, fröhliches Stimmengewirr auf dem Alten Geidenhof, Kinder mit Pinseln in der Hand und Menschen, die plötzlich über etwas sprechen, worüber sonst oft geschwiegen wird: den Tod. Was zunächst ungewöhnlich klingt, entwickelte sich am Sonnabend in Hanstedt zu einer Veranstaltung, die viele Besucher berührte, zum Nachdenken anregte und vor allem eines zeigte: Der Wunsch, offen über Sterben, Abschied und Trauer zu sprechen, ist größer als viele vermuten.

Schon kurz nach Beginn füllte sich der Alte Geidenhof. Im Mittelpunkt stand die außergewöhnliche „Sargbar", die eigens von den österreichischen Bestatterinnen Verena Brunnbauer und Nicole Honeck nach Hanstedt gebracht wurde. Die beiden Frauen aus Linz gelten als Pionierinnen des Projekts „Death Positiv" in Europa und verfolgen eine ebenso einfache wie mutige Idee: Mit einer Bar aus einem echten Holzsarg einen Ort schaffen, an dem Menschen ohne Berührungsängste über Tod und Vergänglichkeit ins Gespräch kommen können.

„Kunst und Kultur in der Trauerarbeit können helfen, über den Tod zu sprechen", erklärt Nicole Honeck. Gemeinsam mit ihrer Kollegin entwickelte sie das Konzept, um die Angst vor dem Sterben abzubauen. An der Sargbar wird deshalb nicht nur angestoßen, sondern vor allem geredet – manchmal leicht und humorvoll, manchmal tiefgründig und emotional. Das Ziel der beiden Bestatterinnen: Menschen dazu zu ermutigen, sich so lange mit dem Tod auseinanderzusetzen, bis die Angst davor ihren Schrecken verliert.

Doch die Sargbar ist weit mehr als nur ein ungewöhnlicher Blickfang. Für ihre Schöpferinnen trägt sie eine tiefere Symbolik in sich. Der Sarg besteht aus Holz – und Holz stammt von einem Baum. Der Baum steht für Wachstum, Entwicklung und das Leben selbst. Der Sarg hingegen symbolisiert das Ende dieses Lebensweges. Dazwischen liegt alles, was einen Menschen ausmacht: Kindheit, Liebe, Familie, Freundschaften, Erfolge, Krisen und Erinnerungen.

Die Sargbar macht genau diesen Zusammenhang sichtbar. Sie erinnert daran, dass Leben und Tod keine Gegensätze sind, sondern untrennbar zusammengehören. Wer an der Sargbar Platz nimmt, spricht deshalb nicht nur über das Sterben, sondern vor allem über das Leben und darüber, was am Ende wirklich wichtig ist.

Dass dieses Konzept funktioniert, zeigte sich in Hanstedt eindrucksvoll. Viele Besucher nutzten die Gelegenheit für intensive Gespräche. Besonders beliebt war ein von den Österreicherinnen entwickeltes Frage-Spiel, das wie eine Art Speeddating rund um das Thema Tod funktioniert. Die Karten enthalten Fragen über Wünsche, Ängste und Vorstellungen vom Lebensende – und helfen selbst denjenigen ins Gespräch zu kommen, denen das Thema normalerweise unangenehm ist.

Eine Besucherin, die selbst ehrenamtlich im Hospizdienst tätig ist, berichtete offen von ihrem persönlichen Dilemma. Obwohl sie täglich mit Sterben und Trauer konfrontiert sei, könne sie mit ihrem eigenen Ehemann nicht darüber sprechen, wie er einmal bestattet werden möchte. „Ich weiß nicht, was er sich wünschen würde", sagte sie. Erd- oder Feuerbestattung? Seebestattung? Eine moderne Trauerfeier mit Lieblingsmusik oder doch die klassische Zeremonie in der Kirche? Fragen, die viele Hinterbliebene beschäftigen, wenn keine Antworten hinterlassen wurden. Häufig offenbar aus Angst vor dem Tod.

Genau hier setzte die Veranstaltung an. Sie machte deutlich, wie wichtig es ist, Wünsche und Gedanken rechtzeitig auszusprechen. Denn heute gibt es deutlich mehr Möglichkeiten der Abschiedsgestaltung als viele Menschen vermuten. Moderne Trauerfeiern können individuell gestaltet werden, mit persönlicher Musik, besonderen Orten und ganz eigenen Ritualen. Doch all diese Möglichkeiten helfen den Angehörigen nur dann, wenn sie wissen, was sich der Verstorbene gewünscht hätte.

Die Idee, die Sargbar nach Hanstedt zu holen, hatte Trauerbegleiterin Silke Fiehn. Allein wäre ein solches Projekt kaum umsetzbar gewesen. Deshalb holte sie zahlreiche Unterstützer mit ins Boot: das Bestattungshaus Peper aus Hanstedt, das Bestattungsunternehmen Rümpel-Corde aus Buchholz, den Hospizverein Winsen, den Ökumenischen Hospizdienst Buchholz, die Buchhandlung Hanstedt sowie weitere regionale Partner. Die Resonanz auf ihre Anfrage war überwältigend. Alle Beteiligten waren sofort von der Idee begeistert und engagierten sich vor Ort.

Die Hanstedterin setzt sich seit Jahren dafür ein, Trauer aus der gesellschaftlichen Tabuzone zu holen. Als Trauerbegleiterin erlebt sie immer wieder, wie groß der Bedarf an Austausch ist. Deshalb organisiert sie regelmäßig einen Trauerstammtisch in Hanstedt sowie ein monatliches Trauercafé in der Marmstorfer Kirche. Dort treffen sich Menschen, die einen Verlust erlebt haben, um miteinander zu sprechen und ihre Erfahrungen zu teilen. Rund ein Dutzend Besucher kommen üblicherweise zu diesen Angeboten. Am Samstag waren es deutlich mehr.

Neben der Sargbar gab es zahlreiche Mitmachaktionen. Besonders die Möglichkeit, einen Sarg zu bemalen, stieß auf großes Interesse. Die Bestatter Peper und Rümpel-Corde hatten einen Sarg vorbereitet, der im Laufe des Nachmittags zu einer bunten Erinnerungsfläche wurde. Viele Kinder griffen zu Farben und Pinseln. Einige nutzten die Gelegenheit, um sich kreativ von einem verstorbenen Großelternteil zu verabschieden. Was auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mag, ist für Fachleute ein wichtiger Bestandteil von Trauerarbeit. Gefühle sichtbar machen, Erinnerungen festhalten und Abschied gestalten – all das kann helfen, Verluste zu verarbeiten.

Auch weitere kreative Angebote wurden rege genutzt. Besucher gestalteten einen Sarg, beschäftigten sich mit ihrer persönlichen „Löffelliste" und kamen mit Fachleuten über Hospizarbeit, Trauerbegleitung und Bestattungsformen ins Gespräch. Dabei wurde deutlich, dass Trauer nicht ausschließlich hinter verschlossenen Türen stattfinden muss. Sie darf sichtbar sein, öffentlich werden und Teil des gesellschaftlichen Lebens bleiben.

Trotz aller Ernsthaftigkeit durfte an diesem Nachmittag auch gelacht werden. So erfuhren die Besucher beispielsweise, woher die Redewendung „den Löffel abgeben" stammt. Früher trugen Bäuerinnen als Zeichen ihres Standes eine Suppenkelle am Gürtel. Starben sie, wurde diese an die nächste Hofherrin weitergegeben – sie „gaben den Löffel ab".

Als sich der Nachmittag langsam dem Ende näherte, war die Botschaft dieser besonderen Veranstaltung spürbar geworden: Wer über den Tod spricht, spricht vor allem über das Leben. Die „Sargbar" hat dafür einen Raum geschaffen – offen, herzlich und überraschend lebendig. Einen Ort, an dem Menschen gemeinsam lachen, nachdenken, erinnern und manchmal auch ein wenig Mut finden konnten. Mut, über das Unvermeidliche zu sprechen. Und genau darin lag die besondere Kraft dieses außergewöhnlichen Nachmittags in Hanstedt.